Die Idee kam beim Lesen.
Auf der Suche nach Lesestoff, der junge Erwachsene besonders ansprechen würde, fiel mein Blick auf ein selten häßliches Taschenbuch. Ein brülloranger Einband, eine knallrote Schrift - erschreckend schlechtes Design eines Buchumschlags !  
Marie Luise Kaschnitz
Steht noch dahin

suhrkamp taschenbuch 57

Die Rückseite des Taschenbuchs
machte mich neugierig.
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74 knappe Prosastücke - bevor ich mich festlas, nahm ich das Buch mit.
 
Im Deutschunterricht der Technikerklassen setzte ich die Texte dieses Buches immer wieder ein. Kurz genug für eine Unterrichtsstunde. Anspruchsvoll. Bei der Durchführung das Übliche: Lesen - Unterrichtsgespräch - Interpretieren - Tafelbild - zur Autorin - Zusammenfassung als schriftliche Hausaufgabe.  
Bei einem Text bissen sich die Klassen jedoch immer ganz besonders fest. Und mitten im Unterricht kam die Idee: statt der üblich-nachbereitenden Hausaufgabe kreatives Schreiben
in Form eines Paralleltextes.
 
Bereits die ersten Ergebnisse, konventionell auf Papier "mit der Hand am Arm", waren erstaunlich gut. Das war vor etwa drei Jahren. 1.Phase
Dann kam das neue Medium, Präsentation der eigenen Schule im Internet, vielleicht auch Präsentation einzelner Fächer. Möglicherweise das Fach Deutsch als erstes Beispiel. Aber wie? Und was?  
Dann im Informatikunterricht (ich habe die etwas ungewöhnliche Kombination der Fächer Informatik, Deutsch und Englisch) Umgang mit HTML, einer 'Programmiersprache', Aufbereiten von Informationen für das WorldWideWeb. Kreativer Umgang mit Texten, besonderes Gestalten..
 
Eine Klasse nahm sich die konventionell-papiernen Texte vor und versuchte, sie für das Internet aufzubereiten. Die Durchführung dieser Arbeiten machte zwar allen viel Spaß, die Ergebnisse waren jedoch enttäuschend. Um einen fremden Text optisch umzusetzen, sind keine Java-Applets und kein besonderes HTML-Design, schrille Hintergründe und bewegte Bilder nötig. Allein die Texte sollten im Vordergrund stehen, wenn möglich, sogar ein einheitliches Design haben und trotzdem individuell sein. Die Betonung lag auf parallel. Außerdem wurde einfach jeder Text genommen, ob er gelungen war oder nicht - man könnte ihn ja entsprechend "aufpeppen" ! Das war vor etwa einem Jahr.
2.Phase
Mit einer weiteren Klasse, die ich in Informatik und Deutsch hatte, versuchte ich dann den Weg, der hier als Einheit präsentiert wird. Kreatives Schreiben konventionell auf Papier ohne grafische Schnörkel, Umsetzung in HTML als wysiwyg mit einem ganz einfachen Editor. Die Schüler besaßen relativ geinge Kenntnisse in HTML, probierten jedoch fleißig aus - und das kam der Aufbereitung zugute, da alle Texte ähnlich gestaltet wurden. Eigene Kreativität und eigene Interpretation lagen in den gleichen Händen. Und in den Informatikstunden wurde viel mehr diskutiert als programmiert und getestet. In dieser Phase wurde auch nicht jeder Text genommen. Die Schüler entschieden ausgesprochen selbstkritisch, welche Texte es überhaupt wert waren, umgesetzt zu werden. Und sie entschieden auch, daß nur die Namen der Textautoren, nicht die der mitwirkenden HTML-Programmierer genannt werden sollten. 3.Phase
Das fertige Ergebnis ist auf diesen Projektseiten zu finden. Allerdings gaben sich die Schüler damit noch nicht zufrieden. Eine weitere Gruppe stellte biographische Anmerkungen zur Autorin zusammen und suchte Photos. Die Bilder wurden dann von einer weiteren Gruppe gescannt, in GIF oder JPEG umgewandelt und teilweise als selbstablaufende Animation gestaltet. Zwei Schülerinnen schrieben eine Interpretation des Originals. Ein Schüler, der sich in HTML besonders gut auskannte, sorgte für das endgültige "Verlinken" der Seiten, deren Hypertext-Struktur im Laufe des Projektes immer umfangreicher wurde. Er kam auch auf die Idee, Laufschrift einzusetzen - ein Effekt, der nur vom MS-Explorer unterstützt wird. Aus diesem Grund entschieden wir uns - nach heftiger Diskussion - schließlich doch dafür, einen Hinweis auf diesen Browser auf die Startseite zu setzen. Daß es kaum noch eine gemeinsame Schnittmenge aller Effekte unter den verschiedenen Browsern gibt, ist leider eine Tatsache, die sich auch auf unsere Arbeit ausgewirkt hat. features
Die Verbindung zum Originaltext, nach dem die Parallelfassungen geschrieben wurden, hätten wir uns gern anders gewünscht. An Ideen fehlt es nicht ! Schön wäre es beispielsweise, wenn der Text in einem zweiten Fenster eingeblendet werden könnte. Oder auf der Interpretationsseite die angesprochenen Textstellen kursiv hinterlegt im Original zu sehen wären ... und ... und ... . Aber ein Anfang ist gemacht - vielleicht gestaltet eine andere Klasse irgendwo in Deutschland eine neue Fassung ?

offene Fragen

Wie geht es weiter? Die nächsten Projekte sind schon in Planung: das Prosastück Hobbyraum
und bereits auf Papier geschrieben, aber noch nicht für das Internet aufbereitet: Ostia Antica
Ein Gedicht, das sich für den kreativen Umgang mit Texten hervorragend eignet, wie die Ergebnisse zeigen. Hier sind wir jedoch nicht nur vom eigentlichen Text ausgegangen, sondern es wurden Postkarten gesammelt, und diese Postkarten wurden als Parallelgedicht gefaßt - mit den unterschiedlichsten Inhalten, vom Flughafen über Sonnenuntergang, Schneelandschaft, Blumenstrauß, Stadt bei Nacht bis hin zu Schloß Neuschwanstein war so ziemlich alles vertreten, was Schüler als schön und romantisch empfinden. Allerdings gibt es große Schwierigkeiten bei der Umsetzung in HTML. Noch ist es nicht möglich, verschiedene Schriften einzusetzen; nicht jeder Browser unterstützt Cascading Stylesheets oder gar objektorientiertes Dynamic HTML. Und Schriften sind bei der Umsetzung eigener Gedichte ein absolutes MUSS. Wir sind trotzdem dabei, die Ergebnisse aufzubereiten, und werden sie in Kürze ins Netz stellen. Allerdings folgt die Gestaltung noch eher der 2.Phase, die oben beschrieben wurde: bunt-bewegte Effekthascherei statt Konzentration auf den eigentlichen Text. Eben Knallrot auf Brüllorange.
 
Aber ein Anfang ist gemacht. Auch das Internet ermöglicht kreatives Schreiben, kreativen Umgang mit Texten, Besinnung auf den Inhalt, nicht die Form.  
Jetzt hoffen meine Schüler auf die eine oder andere eMail-Nachricht mit Lob, Kritik, weiteren Ideen, Gedankenaustausch ...  
   
Johanna Leine  
   
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